Wie man meine Submission gewinnt

Oder auch: ein nicht ganz einfaches Tutorial, wie die Libido einer Greysexuellen funktioniert

Lange habe ich überlegt, was eine Person mit sich bringen muss, dass ich mich ihr unterwerfe. Wie vielleicht der eine oder andere Leser weiß, label ich mich mit dem Begriff der ‚Greysexualität‘. Das bedeutet, dass ich kaum bis gar keine Libido habe und diese nur unter ganz bestimmten Umständen bei einer ganz bestimmten Person vorhanden sind. Oftmals kenne ich die Faktoren nicht einmal selbst.
Heiße Chats, Kopfkino anfeuern oder sexuelle Erfahrungen, die mich fallen lassen sind also nicht der Schlüssel zu meiner Submissivität.

Eines Tages lag ich im Bett meiner Frau und mir kam eine Art Gedankenblitz, um zumindest einen Faktor genauer benennen zu können.
Aber bevor ich darauf zurückkomme, beginnen wir von vorn:

Submission? Nein, Danke!

Vor kurzem war die Thematik zwischen einer Sub und einem Bottom aktuell. Ich muss darüber nachdenken, dass ich -für mich persönlich- den Begriff Bottom sehr gut verwenden könnte.
Ja, ich kann vor diversen Spielpartnern knien, ohne ihnen gegenüber submissiv zu sein. Ich kann Befehle befolgen, ohne submissiv zu sein. Ich kann hier und jetzt sexuell zur Verfügung stehen und alles machen, was mein Gegenüber will, ohne submissiv zu sein.

Der Unterschied zu dem Ganzen ist: Mein Mindset

Ich knie, weil ICH Lust darauf habe, dir etwas gutes zu tun, nicht weil es mir ein Bedürfnis ist.
Ich befolge Befehle, weil ICH da gerade Spaß dran habe.
Ich bestimme, worauf ich wann Lust habe. In erster Linie steht für mich selbst mein Spaß an erster Stelle und ich kann jeder Zeit die Regeln ändern, ohne dass es dem anderen passt. Und ich sage bei der kleinsten Abweichung meiner Komfortzone, dass ich xy nicht will. Ich bestimme, ich nutze kein Safeword – ich sage schlicht und ergreifend „Nein“. Ich stelle meine Interessen über die meines Playpartners und wirke dabei für Außenstehende ’submissiv‘.

Bin ich jemandem submissiv gegenüber (und das ist ein Privileg einer D/s-Beziehung und auch nur meine D/s-Beziehung), dann stelle ich deine eigenen Interessen über meine.
Ich möchte Dinge tun, die ich für andere nicht tun würde. Ich will dir gefallen.
Ich bin bereit, Praktik xy auszuüben, obwohl nur du daran Freude findest. Weil ich Befriedigung aus deiner Befriedigung ziehe. Ich lasse meine Welt gern um dich drehen. Es ist mir ein Bedürfnis.
Ein Bedürfnis, dieser Person mit jeder Faser meines Körpers und jede Facette meines Geistes zu dienen.

Falls nun einer besorgt ist: Nein, ich werde dabei keine leblose Puppe, die ihren Verstand verliert. So etwas passiert nicht von heute auf morgen. Das ist ein Prozess über Monate bis Jahre und man muss erst mir mehrfach beweisen, dass man mein Vertrauen nicht missbraucht. Das mag sich lesen, als sei ich das Bild dieser Super-Sub, die jeder Möchtegern-Domm auf irgendwelchen Internetplattformen definiert – und ich bezweifel nicht, dass ich nicht in genau dieses Schema fallen kann – aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Und dies muss erarbeitet werden. Lang. Immer und immer wieder.

Wie qualifiziert man sich also überhaupt? Was ist mein Beuteschema?

Ich möchte hier nicht darüber sprechen, wie man mein Vertrauen gewinnt. Das ist etwas für einen anderen Post. Ich möchte darüber sprechen, wie man erst einmal überhaupt in den potentiellen Kreis der Personen kommt, bei denen ich mir vorstellen könnte, mich wirklich zu unterwerfen. Was die oben genannte Kategorie zwei überhaupt möglich macht. Und hier kommen wir zu einem einfachen Begriff:

Sapiosexualität

Schon vor einiger Zeit habe ich dazu einige User*innen auf Twitter gefragt, wie sie den Begriff definieren und wie sie diesen für sich verwenden.
Oftmals viel der Wortlaut „geistige Wellenlänge“ und ein gewisser Intellekt.
Ich weiß nicht, ob ich den Begriff auch für mich verwenden kann, da dieser für mich in der Praxis anders aussieht, aber vielleicht kann ich euch ein Beispiel geben:

Wie man auf meiner ‚geistigen Wellenlänge‘ liegt, ein Beispiel:

Ich bin die Person, die sich gern mit Personen umgibt, die eine ähnlich intuitive Ader, wie ich besitzen. Ich sitze auf Partys gern stundenlang auf der Bank und beobachte Leute, errate ihren Beruf, ihre Sexualität, ihre Gedankenwelt. Wenn ich nun eine Person bei mir habe, mit der ich das zusammen machen kann und unsere Einschätzungen sich gleichen, so fühle ich mich mit ihr verbunden.
Oder aber ich beobachte die Entwicklung von Bekannten und Freunden und stelle Vermutungen über den weiteren Verlauf auf. Wenn jemand dies mit mir tut und wir beide Recht behalten, dann ist das die Art geistige Wellenlänge, nach der ich mich sehne.
Jemand für Mindgames und Spekulationen. Tiefe.
Oder jemand, der mit mir auf meinem Niveau Schach spielt.
Mit solchen Leuten umgebe ich mich gern.

Ich lehne mich weit aus dem Fenster und kann behaupten, dass ich mit 98% meiner Vermutungen richtig liege. Das klingt nun vielleicht überheblich, aber mein Bauchgefühl und meine Intuition trügt mich so gut wie nie.
Ich bin sehr gut, wenn es darum geht, Menschen einzuschätzen. Ihre Handlungen vorherzusagen. Mein Kopf steckt Möglichkeiten von A bis Z ab und mich zu überraschen ist sehr schwer.

Und das ist der Punkt: die restlichen zwei Prozent, bei denen ich mich irre.

Versteht mich nicht falsch. Man muss mich nicht ständig überraschen, aber die Tatsache, dass eine Person es schafft, etwas außerhalb meines Möglichkeitsspektrums zu machen, ist mein größter Hang dazu, mich dieser Person zu unterwerfen.

Wir spekulieren über den Ausgang über eine Situation und du behältst Recht und ich irre mich? Du schlägst mir eine Lösung für ein Problem vor, auf das ich selbst nicht gekommen bin?
Du schaffst es, mich auf irgendeine Weise irgendwie an der Nase herumzuführen?
Dann hast du mein Interesse.

Für viele mag das jetzt unglaublich banal wirken, aber genau das sind Situationen, die nicht oft vorkommen. Ich bin ein Mensch, der gern alle erdenklichen Situationen im Hinterkopf hat. Kommt nun jemand und beweist mir das Gegenteil, dann ist das die Art von Intelligenz, auf die ich stehe.

Kennt ihr den Film „Gone Girl – das perfekte Opfer“?
Die Protagonistin fälscht über ein Jahr Tagebucheinträge, um ihren Ehemann als Täter dastehen zu lassen. Sie ist ihm und der Polizei voraus.
Das ist die Intelligenz, die ich anziehend finde. Sei mir voraus.

Ein Szenario, welches so ähnlich ist:
Du verlässt den Raum und lässt mich warten. Genau so lange, dass ich unbeschäftigt bin und mich im Raum umsehe. Und mir eine offene Schublade auffällt, die genau so weit geöffnet ist, dass ich hineinschauen kann. Offen genug, dass ich sie nicht weiter bewegen muss, es aber trotzdem lesen kannst, weil du weißt, dass ich keine Schubladen öffne.
Lass mich etwas lesen, was mich nervös macht. Vielleicht, weil ein wichtiges Datum, dass mir etwas bedeutet oben am Rand vermerkt ist, sodass ich nicht wieder gelangweilt weggucke. Weil du mich und meine Verhaltensweisen kennst. Meine Eigenarten. Meine Grenzen. Du mir -wie beim Schach- immer einen Schritt voraus bist.

Das. ist. der. größte. Turn-on. den. ich. mir. vorstellen. kann.

Natürlich würde es auch reichen, wenn du es zum Beispiel schaffst, mich (sobald du den Konsens von mir oder meiner Partnerin dafür hast) unerwartet zu ohrfeigen.
Ja, selbst das ist eine Kunst. Ich rechne immer und überall mit allem, sobald es in meinem Möglichkeitsspektrum liegt. Und Konsens von mir oder meiner Partnerin rückt auch zu allen Gegebenheiten eine Ohrfeige in mein Möglichkeitssprektrum.
Ein gewisser jemand kann ein Lied davon singen, dass ich immer ausweiche oder wegzucke und er deswegen nie trifft 😉

Vielleicht mag sogar einer sagen: das klingt, als würdest du auf Personen mit großer Manipulationsgabe stehen – und ja, vielleicht sogar das, weil mich zu manipulieren eben nicht leicht ist. Ich erkenne Personen und ihre Intuitionen blitzschnell.

Zeig mir also, dass du weißt, wie ich ticke und wie man mich in Situationen bringt, die für mich neu und lehrreich sind und ich verfalle dir submissiv auf geistiger Ebene.
Das ist ein Faktor zu meiner sexuellen Lust und zu meiner Devotion.

Oder auch: Lasse mich ab und an einfach ein bisschen lernen, dass ich von meinem hohen Ross fallen kann, wenn ich zu sehr von meiner Intuition überzeugt bin und eröffne mir neue Möglichkeitsspektren.

Lass mich mehr über mich lernen, als ich glaube zu wissen.

Das ist der Schlüssel zu meiner Submission. Oder zumindest ein Fragment.

2 Kommentare zu „Wie man meine Submission gewinnt

  1. wie immer ein sehr gelungener eintrag

    Und hier kommen wir zu einem einfachen Begriff:

    Sapiosexualität <<<<< ich musste erstmal schmunzeln absolut einfacher begriff meine liebe

    was die 98%tige richtige einschätzung angeht so kann ich da von meiner seite her durchaus bestätigen auch mich hast du bereits an der ein oder anderen stelle meines lebens mit deinen analysen nunja vielleicht nicht überrascht aber doch ein nachdenkliches geistiges stirnrunzeln abverlangt wie du nun eigentlich darauf gekommen bist. was nicht gerade leicht ist da es einen großen unterschied macht informationen zu teilen bei dem man weiß der gegenüber zieht die richtigen schlüsse oder ob diese schlüsse auch durch kleinigkeiten bezogen werden können vorallem auf gefühlsebenen.

    zu der sache mit dem beobachten will ich da noch ein wie ich finde schönes bildliches beispiel einbringen da das verdeutlicht zumindest aus meiner sicht.
    jeder kennt ja sherlock homes und dr watson (schande über denn der es nicht tut) da ist es so das homes watson seine detuktion stehts erklärt. in deinem fall kann man sich interesanter vorstellen eher so als würden dann zwei Homes eben in so einem club sitzen und leute analysierenund ich denke dabei geht es auch nicht um das geistige kräftemessen um auch dahingehend nochmal deine aussage zu untermahlen.

    schwarzherzliche grüße
    Aurion

    Gefällt 1 Person

  2. Ich bin mal wieder an dem Punkt gelangt, wo so viele Gedanken durch meinen Kopf fliegen, dass ich gar nicht weiß, ob ich das Ganze formuliert kriege.

    Danke für diesen wundervollen Beitrag! Ich hatte eigentlich das hier kopiert:

    „Ja, ich kann vor diversen Spielpartnern knien, ohne ihnen gegenüber submissiv zu sein. Ich kann Befehle befolgen, ohne submissiv zu sein. Ich kann hier und jetzt sexuell zur Verfügung stehen und alles machen, was mein Gegenüber will, ohne submissiv zu sein.“

    …weil ich mich so gut damit identifizieren kann. Aber mit jedem Satz, den ich gelesen habe, war da noch viel mehr das Gefühl mich zu identifizieren.
    Manchmal finde ich es sogar anstrengend so viel Intution zu haben und die ganzen Möglichkeiten im Kopf zu haben. Ich sehne mich nach einer Person, die mich überraschen kann und ich nicht gefühlt jeden Handlungsschritt erwarte. Jemanden, der ausbricht und somit mein Gefühl von „ich kann alles kontrollieren“ einen Dämpfer gibt.

    Es gab bisher genau 2 Situationen, in denen ich mich wirklich submissiv gefühlt habe und ich sehne mich nach mehr davon. So blöd das klingt – in dem Bereich steckt so viel ungenutztes Potenzial in mir, dass darauf wartet geweckt zu werden.

    Gefällt 2 Personen

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